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DER SCHMERZ ALS GEBURTSHELFER

Verena Schmid

Hebamme, Direktorin der Scuola Elementale di Arte Ostetrica, Florenz

Auszug aus einem Vortrag im Rahmen der Veranstaltung „24 Stunden rund um die Geburt“

Schmerz ist ein zentraler Aspekt, einschneidend und gefürchtet bei der physiologischen Geburt. Nach Werten und Interpretation unserer Wohlstandsgesellschaft ist er überflüssig und sinnlos. Zusammen mit der Überflüssigkeit des Geburtsschmerzes ist das Gebären selbst  überflüssig geworden, der Kaiserschnitt nimmt überhand; er erscheint als eine saubere, schmerzlose, mühelose Geburt. Von dieser sozialen Einstellung wird die Information durch die Massenmedien gefärbt und die Frauen werden weiterhin getäuscht und belogen. Eine schwangere Frau heute muss den Schmerz wählen, wenn sie eine physiologische Geburt haben will und das ist natürlich sehr schwierig, sich dafür bewusst zu entscheiden und ihn  aktiv anzunehmen. Häufig ist die Haltung der Frauen zurückhaltend oder in Verteidigung. Die innere Haltung der Frau wirkt sich aber auf den Körper und auf das ganze Geburtsgeschehen aus.

Eine angstvolle, zurückhaltende Haltung bewirkt Isolierung, Unverständnis, keine Motivierung, Spannung, Verkrampfung, Starre, Bewegungslosigkeit, Zurückhalten, hohe Niveaus von Katecholaminen, Distress (hemmender Stress) und führt schließlich zur Dystokie (abnormaler Geburtsverlauf).

Eine motivierte, akzeptierende Haltung bewirkt hingegen Unterstützung, Verständnis, Motivierung, Entspannung, Rhythmus, Ausdruck, anregender Stress und fördert die  Eutokie (normaler Geburtsverlauf).

Ein hilfreiches, motivierendes Umfeld, liebevolle  Unterstützung und Begleitung und vor allem eine gute Information über den Sinn des Geburtsschmerzes, wirkt sich positiv aus.

Denn der Schmerz in der Geburt hat nicht nur einen Sinn sondern unterstützt den Geburtsvorgang, schützt Frau und Kind vor Schaden und führt sie sicher durch die Geburt.

Wir können grundsätzlich vier verschiedene Ebenen benennen, auf welchen der Geburtsschmerz eine Funktion ausübt:

die körperliche Ebene
die psychische Ebene
die energetische Ebene
die affektive Ebene oder Beziehungsebene


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die körperlichen Funktionen des Geburtsschmerzes

Der Schmerz als Stimulator der Hormone

Das für den Geburtsbeginn nötige Oxytocin wird am Ende der Schwangerschaft aufgrund hormoneller Veränderungen in der Plazenta und im kindlichen Organismus direkt vom Kind produziert.

Um zum aktiven Teil der Geburtsarbeit mit seinen regelmäßigen und effektiven Kontraktionen zu gelangen, braucht es einen regelmäßigen Stimulus, um eine konstante und steigende Produktion von Oxytocin zu erreichen. Dieser Stimulus wird durch den intermittierenden Wehenschmerz gegeben. Der Schmerz bringt die Frau momentan in eine Situation akuten Stresses, auf die sie mit einer Spitzen-Ausschüttung von Katecholaminen reagiert. Diese provozieren eine Oxytocin-Ausschüttung und gleichzeitig die Produktion von Endorphinen. Sie lösen somit gleichzeitig einen Anstieg der Kontraktionstätigkeit und eine steigende Schmerztoleranz aus.

Das Geheimnis der Toleranz des Geburtsschmerzes ist die Pause zwischen den Wehen.

Der Schmerz ist also ein wichtiger Hormon-Stimulator für die Produktion der Endorphine. Je mehr die Geburt fortschreitet, je stärker wird die Toleranz. Im Fruchtwasser sind Endorphine stark konzentriert. Der Schmerz der Mutter beschützt deshalb das Kind von Geburtstrauma und Schmerz.

Der Schmerz als Führer durch die Geburt, als Beschützer von Mutter und Kind

Die physiologische Funktion des Schmerzes ist es, den Körper vor Schäden zu bewahren, indem er im Falle eines Angriffes ein Alarmsignal entsendet, damit der Angegriffene handeln kann, um sich dem Angriff zu entziehen. Schmerz macht folglich aktiv!

Der Prozess der Öffnung der Eingeweide, der starke Druck auf die Gelenke und Nerven im Kreuzbeinbereich ist ja tatsächlich nicht gefahrlos für Mutter und Kind; somit ist der Schmerz ein wertvoller Führer, in dem er auf die Gefahren hinweist und der Frau die Möglichkeit gibt, durch Bewegung situationsentsprechend zu reagieren.

Die physiologische Antwort auf den Schmerz ist instinktive Bewegung, Ausdruck. Die Bewegungsfreiheit erlaubt der Frau instinktiv die Haltungen einzunehmen, die den Schmerz lindern, den Widerstand und Druck vermindern. Dadurch schützt die Frau sich selbst vor Schäden am Becken, am Gebärmutterhals und am Beckenboden, sowie das Kind vor Einstellungsanomalien und zu starkem Druck auf seinen Kopf, was den Geburtsstress verringert. Während der Austreibungsphase zeigt der brennende Schmerz in der Scheide an, wie weit sie angespannt werden kann und wo die Grenze liegt. Das sorgfältige Atmen und Schieben erlaubt der Frau, ihren Beckenboden von Schäden zu bewahren. Der Schmerz orientiert die Frau auch, sie kann fühlen wo das Kind ist und wie sich die Geburt nähert.


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die psychischen Funktionen des Geburtsschmerzes
 

Der Schmerz als Ausdruck der Trennung

Eines der stärksten Gefühle während der Geburt ist die Notwendigkeit, sich vom Kind zu trennen. Von einem Kind, das gleichzeitig ein eigenständiger Mensch und ein Bestandteil der Frau selbst, ihres tiefsten Teils ist. Erträumtes Kind, phantastisches Kind, reales Kind. Das Loslassen eines Teiles von sich selbst oder von jemandem, der uns sehr nahe steht, ist immer schmerzhaft, schwierig und oft ungewollt. Im Fall der Geburt ist die Trennung gleichzeitig ersehnt und gefürchtet, belastet auch vom Aspekt des Unbekannten des realen Kindes. Der Schmerz hat die doppelte Funktion, die Frau ohne Verzögerung in Richtung Trennung zu bewegen, in eine Richtung, in die sie sich vielleicht freiwillig nie bewegt hätte. Er macht ihr klar, dass die Geburt unvermeidlich und notwendig ist. Aufgrund der Lokalisation des Schmerzes im Bauch wird die gesamte Aufmerksamkeit der Frau auf diesen Prozess konzentriert, ohne Ausweg. Die Aufgabe muss vollbracht werden. Gleichzeitig ist der Schmerz selbst Ausdruck und „Ausbruch“ des durch die Trennung verursachten emotionalen Leides. Der Schmerz bestimmt die Zeit und die Zeit ist bei Trennungsprozessen wichtig und individuell unterschiedlich.

Der Schmerz als Element des persönlichen Umwandlungsprozesses

Sich dem Schmerz zu stellen macht Angst und Beklemmung, ihm über viele Stunden lang ausgesetzt zu sein, stellt die persönliche Stärke auf die Probe. Der Schmerz löst also eine regelrechte existenzielle Krise aus, er mobilisiert alle emotionalen Fähigkeiten der Frau, entfacht alte  Schmerzherde  der persönlichen Lebensgeschichte, die im Unterbewusstsein (Thalamus und limbisches System) gespeichert waren. Er bietet allerdings damit die einmalige Möglichkeit, alte Schmerzen abzuladen. Der Geburtsschmerz bringt die Frau an ihre äußersten Grenzen, bis sie das Gefühl hat, alle ihre Möglichkeiten ausgeschöpft zu haben, am Ende ihrer Kräfte zu sein. Dieser Augenblick entspricht der Kapitulation („ich kann nicht mehr!“), bedeutet komplette Hingabe und ermöglicht es ihr, im Fluss zu sein mit den starken Energien ihres arbeitenden Körpers. Die Hingabe ist gleichbedeutend mit dem Überschreiten der eigenen Grenzen, sie bringt den Geburtsfortschritt, regt neue, bisher unbekannte Ressourcen an und steigert damit die persönliche Kraft der Frau. So wird sie Mutter und verändert ihre soziale und persönliche Stellung. Dieses Wachsen der eigenen Stärke aufgrund einer Grenzerfahrung (z.B. auch bei schwierigen Geburtsverläufen) steht für die Reife, die nötig ist, um die Elternrolle einzunehmen.


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 die energetische Funktion des Geburtsschmerzes

Der Schmerz als Stimulator der sexuellen Energie

Nach Wilhelm Reich ist die Fähigkeit zum Orgasmus die Fähigkeit, sich ohne Hemmungen dem Fluss der biologischen Energie hinzugeben und die angestaute sexuelle Spannung durch unwillkürliche rhythmische Kontraktionen zu entladen.

Die große Kraft der Geburt, wenig bekannt, wenig verstanden, aber sehr gefürchtet, besteht genau in der Tatsache, dass das Gebären für die Frau ein starker Ausdruck ihrer spezifisch weiblichen und vom Mann unabhängigen Sexualität ist. Eine Frau, die mit ihrer sexuellen Kraft gebärt, wird nach der Geburt eine stärkere Frau sein. Stärker in jeder Hinsicht, aber insbesondere wird ihre Orgasmusfähigkeit im Sinne von Reich gesteigert sein. Der Vermittler dieser orgastischen Erfahrung während der Geburt ist wiederum der intermittierende Schmerz. Durch seinen ständig wachsenden Reiz erhöht sich die Spannung im Körper der Frau, besonders im Genitalbereich. Durch die Endorphine erhöht sich die Fähigkeit der Frau, „sich im Fluss der biologischen Energien gehen zu lassen“, durch die Hingabe in den Wehenpausen wird die Entspannung vertieft.

Wenn die Spannung durch den Schmerz ein bestimmtes Niveau erreicht hat, bereitet sich die Frau auf die Entladung vor, indem unwillkürliche Kontraktionen beginnen: zuerst im ganzen Körper (Zittern), dann an der Beckenboden-Muskulatur (unwillkürlicher Pressdrang). Der Druck des kindlichen Kopfes in der Scheide ist der ausschlaggebende Reiz für den Beginn der Entladung der angestauten Energie in Form von unwillkürlicher Kontraktionen der Beckenbodenmuskulatur und langen Ausatmungen bis zur Geburt des Kindes. Das Gefühl des Orgasmus ist vom Zurückfließen der ganzen, in den Geschlechtsorganen konzentrierten Energie in den Körper gegeben und wird als Genugtuung und Wohlbefinden empfunden, das übergeht in Gefühle von Zärtlichkeit und Dankbarkeit dem Kind gegenüber die sich in den unmittelbaren Stunden nach der Geburt ausdrücken.



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die affektive Funktion des Geburtsschmerzes

In dem Moment, in dem das Kind geboren  und der Schmerzreiz zu Ende ist, finden sich sehr große Mengen von Endorphinen und Oxitocin im mütterlichen  Organismus, höhere Mengen denn je im ganzen Leben. Die Frau, wenn sie nicht gestört wird und ihr Kind bei sich im Arm hat, erlebt ein einmaliges Gefühl von Ekstase und Euphorie, mit welchem sie ihrem Kind entgegentritt und ihre Erfahrung als Mutter und die Beziehung mit ihrem Kind beginnt. Den Endorphinen wird auch die Eigenschaft der Abhängigkeit und Bindung zugeschrieben, dem Oxytocin die der Liebe. Eine natürliche Geburt sorgt für die Lust auf Wiederholung.
All dies ist jedoch nur möglich wenn die Gebärende nicht gestört wird, wenn die Umgebung intim und beschützt ist, wenn die Hebamme eine gute Unterstützung für die ganze Zeit der Geburt, die erst zwei Stunden nach der Austreibung des Kindes endet, anbietet. Dann wird der Schmerz von einem unerwünschten zu einem fundamentalen Bestandteil einer natürlichen Geburt, ein Element, das die Frau aktiv und stärker macht, den Grundstein legt für die Mutter-Kind-Beziehung und gesundheitsfördernd ist.



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